A Painting a Day keeps the Doctor away
Ein tägliches Bild für die zwitschernde Welt
Die altehrwürdige Institution der Bilderausstellung – Maf Räderscheidt lässt sie mit Hilfe des Internets selbst zu einem authentischen Kunstprojekt über die Position der Malerei in den modernen Medien werden. Seit März dieses Jahres malt die Künstlerin unter dem Motto „A Picture a Day keeps the doctor away“ täglich ein Gemälde als Kommentar zu den Ereignissen des Tages, stellt es ins Internet und verbreitet es über den Microblogdienst Twitter. Eine Ausstellung dieser Werke wird am 12. September, im Junkerhaus in Simonskall bei Hürtgenwald eröffnet. Allerdings wird kein einzelner Kurator oder die Künstlerin selber die Auswahl treffen, sondern die „Follower“ von @mafraederscheid bei Twitter, womit diese Ausstellung die erste ist, die global über Internet kuratiert wird und damit neue Wege der internationalen Vernetzung und weltweiten Kunstvermittlung aufweist und Twitter selber zum Inhalt eines Kunstprojektes macht.
“Hier können Sie meine Ausstellung kuratieren. Jedes Bild ist mit einem Sternchen versehen. Wählen Sie das aus, daß Ihnen am besten gefällt und klicken Sie auf den Stern – fertig!”
Während die Welt der Webdesigner immer noch überlegt, was mit dem Terminus „web 2.0“ irgendwann einmal gemeint sein könnte, hat sich unter dem Titel „Twitter“ ein Phänomen gebildet, dass man noch vor kurzem für unmöglich gehalten hatte.
Das Prinzip ist einfach. Mit 140 Zeichen beantworten die Benutzer die Frage: „Was tust Du gerade?“ Und während manche Nutzer immer noch dem Irrtum unterliegen, es würde tatsächlich jemanden interessieren, dass sie gerade die Toilette benutzen, ist Twitter tatsächlich mittlerweile zu einem Politikum geworden, dem zugetraut wird, Regimes stürzen zu können.
Ungewöhnlich an Twitter ist, dass man nicht in einem anonymen Internet agiert oder in geschlossenen Foren diskutiert, sondern sich öffentlich in einer genau definierten Nutzergruppe aus persönlich bekannten Individuen bewegt, die sich tatsächlich auch genau für die Nachrichten interessiert, die man schreibt. Auf diese Weise bilden sich Interessennetzwerke, die weltumspannend Informationen in ihrem jeweiligen Sachgebiet austauschen. Dies kann die richtige Fellpflege bei Rassekaninchen sein, es können radikale politische Thesen sein, in diesem Fall ist es die Bildende Kunst.
Da die Menschen, die Maf Räderscheidt auf Twitter verfolgen, zum großen Teil selber professionelle Künstler, Galeristen oder Kunstinteressierte sind, kann mit Spannung erwartet werden, wie eine globale Kunstszene von Alaska bis Australien, vom Kaukasus bis nach China auf das Angebot reagiert, eine Ausstellung in einem kleinen, aber geschichtsträchtigen Museum in der Eifel zu kuratieren.
Im Junkerhaus in Simonskall trafen sich nach dem Ersten Weltkrieg die Kölner Künstler, die sich später die Progressiven nannten, um in Diskussionen mit dem Philosophenehepaar Jatho aus der globalen Katastrophe und ihren Kriegserfahrungen ein neues Menschenbild zu schaffen, das seinen künstlerischen Niederschlag in den Bildern der dort versammelten Maler fand: F.W. Seiwert, Heinrich Hoerle, das Ehepaar Räderscheidt-Hegemann. An diesem Ort soll auch das neue Menschenbild, das sich über die offene Teilnahme an internationalen Vernetzungen gerade zu bilden beginnt, wieder einen Ort finden, an dem es künstlerische Realisierung findet – in den Daily Paintings der Maf Räderscheidt.
Nach der weltweit ersten Fernsehgalerie auf dem Kölner Lokalsender Center TV 2007 ist dies bereits die zweite Arbeit von Maf Räderscheidt, in der sie sich mit der Position der Malerei in den modernen Medien wie Fernsehen oder Internet auseinandersetzt.